PRAXIS FÜR SPRACH- & STIMMTHERAPIE

C. STOLLE & V. STRUCK

Aphasien






Unter einer Aphasie versteht man eine, nach abgeschlossener Sprachentwicklung,  erworbene Sprachstörung oder Beeinträch-tigung der Sprachbildung beziehungsweise des Sprachver-ständnisses, die durch eine Schädigung am Gehirn entstanden ist. Dabei tritt ein teilweiser oder völliger Sprachverlust auf, der die  Kommunikationsfähigkeit stark beeinträchtigt.

Hauptursachen der Aphasie

Über 80% der Aphasien haben vaskuläre Ursachen, sie treten also nach einem Schlaganfall auf:

  • Mangeldurchblutung/ischämischer Insult oder
  • intrazerebrale Blutung/hämorrhagischer Insult.
  • Etwa 10% der Aphasien werden durch eine Schädelhirnverletzung (Schädel-Hirn-Trauma) verursacht,
  • etwa 5% durch Hirntumore.
  • Sehr seltene Ursachen sind degenerative Erkrankungen des Gehirns und entzündliche Prozesse im Gehirn. 

Aphasische Syndrome

  • Broca-Aphasie
  • Wernicke-Aphasie
  • Amnestische Aphasie
  • Globale Aphasie

Aphasische Sonderformen

  • Transkortikale Aphasie
  • Leitungsaphasie  

Broca-Aphasie (motorische Aphasie):

Menschen mit einer Broca-Aphasie sind nicht mehr in der Lage, grammatikalisch korrekte Sätze in ihrer Muttersprache zu bilden. Sie setzen deshalb kurze, telegrammstilartige Äußerungen ein, die aus ein bis drei Wörtern mit extrem vereinfachtem Satzbau bestehen. Dabei werden nicht mehr die grammatischen Regeln eingehalten. Oft tritt eine große Sprach- und Sprechanstrengung auf. Auch die Fähigkeit zu schreiben ist beeinträchtigt. Das Sprachverständnis ist bei einer Broca-Aphasie nur leicht beeinträchtigt.

Die wichtigsten Symptome:

  • Agrammatismus: Vereinfachte syntaktische Struktur, meist nur Ein- bis Drei-Wort Sätze. Fehlende Funktionswörter und Flexionsformen. In den Äußerungen ist keine Differenzierung nach verschiedenen grammatischen Relationen erkennbar. Sachverhalte, deren Mitteilung üblicherweise einen Satz erfordert, werden mit nur ein oder zwei Wörtern ausgedrückt
  • Sprach-, Sprechanstrengung
  • prosodische Auffälligkeiten
  • phonematische Paraphasien, verbunden mit
  • Hemiplegie oder Hemiparese und
  • Dysarthrie/Dysarthrophonie

Globale Aphasie.

Die globale Aphasie ist die schwerste Form der Aphasie mit starken Beeinträchtigungen in der Produktion und im Verstehen von Sätzen. Eine Kommunikation ist nur sehr eingeschränkt möglich. Sprachautomatismen werden geäußert, die häufig gegen die Absicht der oder des Sprechenden geäußert werden und inhaltlich nicht zum Gesprächsthema passen. Sprachliche Kommunikation ist nahezu unmöglich.

Die wichtigsten Symptome:

  • Sprachautomatismen/recurring utterances: Häufig wieder-kehrende, formstarre Äußerung, die aus neologistischen Silbenabfolgen, beliebigen Wörtern oder Phrasen besteht...
  • Sprechanstrengung
  • gestörte Prosodie
  • Stereotypien (Formstarre Floskel, die mehrfach wiederkehrt)
  • Hemiplegie/Hemiparese 

Wernicke Aphasie

Das Sprachverständnis ist stark gestört und in der flüssigen Sprachproduktion kommt es zu vielen Wortverwechslungen und Wortneuschöpfungen (semantische, phonematische Paraphasien/ Floskeln/Neologismen). Der Satzbau wirkt komplex und zeigt viele Satzabbrüche und/oder Satzverschränkungen. Die Kommunikation ist oft stark eingeschränkt. Wernicke-Aphasikerinnen und Aphasiker bemerken ihre sprachlichen Fehlleistungen und ihre Einschränkungen in der Kommunikation nicht immer. Oft sprudeln die Worte nur so heraus, allerdings sehr verworren. Die Prosodie wirkt angemessen, der Inhalt aber ist meist völlig unverständlich (phonematischer Jargon). Auch beim Schreiben und Lesen kommt es zu paraphasischen Entstellungen. Das Lesesinnverständnis ist sehr stark beeinträchtigt.

Die wichtigsten Symptome:

  • phonematische/semantischer Jargon
  • phonematische/semantische Paraphasien
  • Logorrhoe (überschießende Sprachproduktion)
  • Paragrammatismus (Langer, komplexer Satzbau mit Satzver-schränkungen und Verdoppelung von Satzteilen, u.U. falsche Funktionswörter und Flexionsformen)
  • stark gestörtes Sprachverständnis.

Amnestische Aphasie

Hierbei handelt es sich um die leichteste Form der Aphasie. Die Patientinnen oder Patienten leiden in erster Linie an Wortfindungsstörungen, oft kommt es zu inhaltlich leicht abweichenden Wortersetzungen, Umschreibungen und/oder zu lautlichen Abweichungen. Die Alltagskommunikation ist meist gut möglich, das Sprachverständnis ebenfalls gut erhalten. Schreiben und Lesen ist i.d.R. problemlos möglich, allerdings treten auch beim Schreiben Wortfindungsstörungen auf.

Die wichtigsten Symptome:

  • Wortfindungsstörungen
  • leichte sematische Paraphasien
  • leichte Störungen im Sprachverständnis 

Weitere Aphasieformen sind die

Leitungsaphasie (Nachsprechaphasie, zentrale Aphasie, afferent-motorische Aphasie):

Die Sprachproduktion ist meist fehlerfrei und flüssig, bis auf häufig vorkommende phonematische Paraphasien. Das Sprachver-ständins ist intakt.

Starke Beeinträchtigung treten ausschließlich beim Nachsprechen, abhängig von der Länge der nachzusprechenden Sequenz, auf: je länger die Sequenz, desto fehlerhafter die Wiederholung des Patienten.

Das umgekehrte klinische Bild bieten die

transkortikalen Aphasien:

Das Nachsprechen ist hier sehr gut erhalten, alle anderen Leistungen sind (mehr oder weniger stark) beeinträchtigt.

Kommunikationsorientierte Therapie

Die Aphasietherapie hat zum Ziel, die Kommunikationsfähigkeit der Betroffenen zu verbessern.

Hierbei werden die individuell relevanten sprachlichen Schwierigkeiten in den Komplexen

  • Lesen,
  • Schreiben,
  • Sprachverständnis und
  • Sprechen in den therapeutischen Fokus gestellt.

Ziel ist eine Verbesserung der kommunikativen Fähigkeiten & die Deblockierung der durch die Aphasie „gesperrten“ sprachlichen Wege und Bahnen.

Die Aphasikerin und der Aphasiker werden ganzheitlich betrachtet, ihr Wohlergehen, sowie die Beratung der Angehörigen, stehen im Mittelpunkt der Therapie.